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"Neuer guter Ort" - Die Zunft AG als neuer
Betreiber der Arminius-Markthalle
Anmerkungen zu einer Informationsveranstaltung am 10.
März 2010
Wer die Presseberichterstattung zur Zukunft der Arminius-Markthalle
verfolgt, kann meinen, alles sei schon in trockenen Tüchern.
Nach Jahren des Vor-sich-hin-Vegetierens und nach einigen
gescheiterten Versuchen, die Halle zu verkaufen, steht nun
mit der "Zunft AG" ein Investor bereit, der der
Halle neues Leben einhauchen und sie in eine lichte Zukunft
führen will. Tatsächlich unter Dach und Fach scheint
konkret aber kaum etwas zu sein, wie die Besucher einer
Informationsveranstaltung am 10. März im ehemaligen
BVV-Saal des Rathauses Tiergarten erfahren konnten.
Eingeladen hatte die "Stadtteilvertretung Turmstraße",
seit ihrer Wahl im Herbst vergangenen Jahres eine Bürgerplattform,
auf der interessierte Anwohnerinnen und Anwohner die Maßnahmen
im Rahmen des Förderprogramms "Aktives Zentrum
Turmstraße" begleiten. Dazu zählt auch der
Bereich um die Markthalle und seine zukünftige Gestaltung.
Da die Außengestaltung aber nicht unabhängig
von dem betrachtet werden kann, was mit und in der Markthalle
geschieht, hatte die Stadtteilvertretung Herrn Christoph
Hinderfeld von der Zunft AG gewinnen können, die Planungen
und Vorhaben genauer vorzustellen.
Die Zunft AG setzt mit ihrem Konzept auf den kleinteiligen
Einzelhandel und hat dabei durchaus nicht nur den Lebensmittelbereich
im Auge. Insgesamt soll die Arminius-Halle auch über
den Bezirk hinaus als Ort für nachhaltig produzierte,
handwerklich hochwertige Produkte profiliert werden. Im
Gespräch sind z.B. Porzellan-Manufakturen, regionale
Weingüter oder spezialisierte Kaffeeröster, aber
auch Unternehmen im Kreativ- und Kulturbereich, die die
Halle als ihr Berliner Schaufenster nutzen. Gegenwärtig
laufen konkrete Verhandlungen für 35 der insgesamt
45 zur Verfügung stehenden Stände, darunter auch
mit etwa 14 Händlern, die bereits jetzt schon in der
Halle vertreten sind und denen Angebote für ein weiteres
Engagement "zu günstigeren Konditionen" gemacht
worden seien. "Wir sind keine Projektentwickler, deren
Job mit der Eröffnung des Objekts getan ist",
betonte Christoph Hinderfeld die Philosophie der Zunft AG,
"wir stehen den Unternehmen auch im täglichen
Betrieb zur Seite". "Die Zunft AG will dabei mit
ihrem Bündelungsansatz an "neuen guten Orten"
nicht einfach Flächen, sondern Funktionen schaffen
und nachhaltig gewährleisten: Jeder Nutzer soll den
anderen Nutzern gleichzeitig Frequenzbringer sein. Diese
Kooperationsstrategie kann - mit fairen Mieten - werteorientierten
Produzenten, kreativen Dienstleistern, Handwerkern, innovativen
Händlern und Herstellern eine wirklich gute Nachbarschaft
bieten, die sie zur Vermarktung wertiger Produkte und Dienste
benötigen und ihnen so neue Perspektiven für eine
werteorientierte, nachhaltige und von Fairness getragene
Unternehmenssicherung und im wahrsten Sinne des Wortes "gute
Geschäfte" ermöglichen" (Zitat Website).
Vom Konzept her eigentlich der Idealfall und das Beste,
was der Arminius-Halle passieren kann - so der erste Eindruck
bei vielen Teilnehmern der Veranstaltung, die die Vorstellung
mit reichlich Beifall bedachten. Angesichts des engen Zeitplans,
den sich die Zunft AG für die notwendigen Umbauarbeiten
setzt - die Neueröffnung ist für Ende des Jahres
2010 ins Auge gefasst - blieben die Antworten auf konkrete
Nachfragen jedoch erstaunlich vage.
Von den insgesamt 3.500 qm Verkaufsfläche entfallen
ca. 1.000 qm auf die Handelsketten "Norma" und
"Schlecker", die aufgrund langfristiger Verträge
weiterhin ihre Filialen in der Halle betreiben werden. In
einer ähnlichen Größenordnung seien Flächen
für die bisherigen Einzelhändler vorgesehen, die
räumlich in einem Karree zusammengefasst werden. Auf
etwa 800 qm wird die Zunft AG ihr eigener Mieter sein. Hier
sollen Verkaufs- und Präsentationsmöglichkeiten
für Anbieter geschaffen werden, für die der Betrieb
eines eigenen, dauerhaften Standes nicht in Betracht kommt.
Hier sollen auch temporäre Aktionen und kulturelle
Aktivitäten ihren Platz finden. Das Markthallen-Restaurant
soll wiedereröffnet werden, voraussichtlich in Form
einer Hausbrauerei. Die vormals als Hotel genutzten Räumlichkeiten
im Obergeschoss werden Unternehmen aus der Kreativwirtschaft
angeboten. Konkrete Namen von zukünftigen Nutzern wollte
oder konnte Christoph Hinderfeld jedoch nicht nennen.
Die Substanz der Halle war vor etwa zehn Jahren mit öffentlichen
Geldern grundlegend saniert worden. Die Kosten für
den nun notwendigen Innenumbau bezifferte Christoph Hinderfeld
auf 700.000 bis 900.000 Euro. Andernorts war bereits von
einem Investitionsbedarf von 1,8 Mio. Euro die Rede gewesen.
Auch Andreas Foidl, Geschäftsführer der landeseigenen
"Berliner Großmarkt GmbH" und somit gegenwärtiger
Eigentümer der Halle, bezifferte an diesem Abend die
erforderlichen Mittel auf "über eine Million".
Ein Händler aus der Halle brachte den Sanierungsbedarf
im für das Publikum nicht sichtbaren Teil der Halle
zur Sprache. Der Zustand der Wirtschaftsräume im Keller
sei unakzeptabel und würde keineswegs den üblichen
Standards entsprechen. Insbesondere die Situation bei den
Kühlräumen müsse deutlich verbessert werden.
Die von Christoph Hinderfeld aufgeworfene Frage, ob man
denn zukünftig überhaupt Kühlräume bräuchte,
wurde eher mit Heiterkeit quittiert. Jedenfalls blieb auch
hier nicht der Eindruck zurück, die Zunft AG habe sich
mit derlei Details bisher eingehender befasst. Insgesamt
scheint die Finanzierung des Projekts noch offen. Für
die erforderlichen Kredite würden gegenwärtig
Bankgespräche laufen. Aus eigener Kraft kann die Zunft
AG, so Christoph Hinderfeld, die Finanzierung nicht stemmen.
Ein nicht unwesentlicher Punkt, vielleicht sogar der Dreh-
und Angelpunkt für ein solches Vorhaben besteht in
der Frage, wo die Kundschaft herkommen soll. Wäre sie
bereits vorhanden, würde die Halle florieren und niemand
würde über ein neues Konzept nachdenken. Die Frage
nach der Marketingstrategie ist also nur folgerichtig. Aber
auch hier bot der Abend nur wenig Greifbares. Das zukünftige
Angebot richte sich sowohl an das nähere Umfeld in
Moabit als auch darüber hinaus an alle Berliner. Jedenfalls
sei das Projekt ausschließlich mit Moabiter Kundschaft
nicht zu realisieren. Die Zunft AG setzt bei der Vermarktung
stark auf das Internet und verweist auf die bereits gegenwärtig
hohen Abrufzahlen ihrer Websites. Durch detaillierte Produktpräsentationen,
Bestellmöglichkeiten sowie auch einen Lieferservice
sollen zusätzliche Vertriebswege erschlossen werden.
Wer sich eine bündige Konzeption oder eine klare Marktanalyse
erwartet hatte, dem blieb an diesem Abend die Faszination
verwehrt.
Eine zentrale Forderung der Stadtteilvertretung besteht
darin, dass die Verträge zwischen der Großmarkt
GmbH und der Zunft AG - gedacht ist an einen langjährigen
Erbpachtvertrag - so gehalten werden, dass die Halle im
Falle eines Scheiterns des Projektes wieder an das Land
Berlin zurück fällt. Andreas Foidl hat zugesagt,
entsprechende Klauseln zu berücksichtigen und insgesamt
keine Unklarheiten im Vertragswerk aufkommen zu lassen.
"Der Großmarkt hat auch weiterhin einen Fuß
in der Tür", so Foidl.
Die Konzeption der Zunft AG ist faszinierend und kann begeistern.
Insbesondere die Aussicht, dass die Arminiushalle nach marktwirtschaftlichen
Gesichtspunkten erfolgreich betrieben wird und dabei als
Einkaufsort und Treffpunkt für die Moabiterinnen und
Moabiter erhalten bleibt bzw. noch ausgebaut wird, macht
das Vorhaben von seinem Ansatz her allemal unterstützenswert.
Bisher schienen genau dies zwei nicht miteinander zu vereinbarende
Anforderungen zu sein. An schönen Orten besteht in
Moabit durchaus noch weiterer Bedarf. Im Rahmen des Programms
"Aktives Zentrum Turmstraße" besteht nun
die Möglichkeit, auch über das Umfeld der Markthalle
nachzudenken. Ideen dazu gibt es. Wenn es an diesem schönen
Ort dann auch die "guten Dinge" aus der Zunfthalle
zu kaufen gibt - und dies, so Hinderfeld, zu erschwinglichen
Preisen - dann ist das keine schlechte Perspektive für
das Moabiter Zentrum.
Leider wurde bei der Veranstaltung im Rathaus die Chance
vertan, das Vorhaben der Zunfthalle konkret zu unterfüttern.
Sicherlich: Bedenken sind meistens konkret, Hoffnungen oftmals
vage. Natürlich können wir hoffen, dass das Konzept
der Zunft AG funktioniert. Und wir können auch hoffen,
dass wir es im Nachhinein nicht als Wolkenkuckucksheim erkennen
müssen. Als Haushaltspolitikerin habe ich es mir jedoch
abgewöhnt, mich auf Hoffnungen zu verlassen. Insofern
ist beim gegenwärtigen Stand konstruktive Vorsicht
angebracht und die Forderung nach Rückabsicherung nur
allzu begründet. Vielleicht ist es einfach noch zu
früh, um handfeste Informationen einzufordern. Ein
Folgetermin wurde bereits in Aussicht gestellt. Hoffen wir,
dass die offenen Fragen danach nicht mehr offen sind. (13.03.2010)

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